Fallende Barrieren bei Buchung von Flügen und Unterkünften

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Fallende Barrieren bei Buchung von Flügen und Unterkünften

Beitrag von Robbie Sandberg Site Admin » 05.01.2026, 13:31

Früher bin ich immer ins Reisebüro gegangen, wenn ich eine Flugreise buchen wollte. Websites von Airlines und sonstigen Flug-Portalen waren meist nicht Screen-Reader-Tauglich. Entweder man konnte kein Datum auswählen oder keine Bezahlmethode auswählen oder den Button zum Bezahlen nicht auslösen. Das Gleiche konnte bei dem Versuch passieren, eine Unterkunft zu buchen.
Solche Barrieren sind zwar immer noch weit verbreitet, aber es tut sich was. Ich bin vor kurzem nach New York gereist und war in der Lage, bis auf eine kleine Ausnahme alles alleine zu regeln. Deshalb möchte ich hier meine Erfahrungen teilen.
Eine Anmerkung vorweg: Das ist keine Werbung für Lufthansa. Ich gebe lediglich im Sinne der Selbsthilfe meine Erfahrungen mit einer barrierearmen Plattform weiter. Die Lufthansa gibt mir nichts dafür. Das würden die eh nicht tun, denn ich habe durchaus auch Kritik an denen zu äußern.
Da es mein früher genutztes Reisebüro nicht mehr gibt, habe ich einfach mal einen Versuch gestartet und gedacht, mal gucken, wie weit ich komme.
Die erste Aufgabe war der ESTA-Antrag. DA ich in die USA reisen wollte, brauchte ich die elektronische Einreiseautorisierung (ESTA). Das ist die, in der man gefragt wird, ob man schon mal terroristisch tätig war oder vor hat mit Drogen zu handeln. Hier gab es die einzige Situation im ganzen Prozess der Buchung, bei der ich Hilfe brauchte.
Man muss ein Passbild und ein Foto des Reisepasses hochladen. Für die Fotos müssen genaue Vorschriften eingehalten werden, die natürlich visuell sind. Also mit Be My Eyes ein Selfie zu machen, wird in der Regel nicht reichen. Die Fotos müssen nach dem Hochladen auf der ESTA-Website mit einem Online-Tool bearbeitet werden. Für diese zwei Schritte, also Fotos machen und bearbeiten, brauchte ich die Hilfe eines sehenden Freundes, der das in zwei Minuten geschafft hat. Alles Andere war gut mit Screen Reader auszufüllen.
Nach der ESTA-Bewilligung wollte ich einen Flug buchen. Überraschenderweise ist die Website https://www.lufthansa.com/de/de/homepage mit Screen Reader recht gut zugänglich. Ich nutze JAWS auf Windows 11 mit Chrome.
Selbst der übliche Blindenstopper, die Datumsauswahl, ist gut zu nutzen. Man bewegt sich mit dem Cursor links/rechts durch Tage und rauf/runter durch Wochen. Mit Enter wählt man aus.
Auch der Rest, also die Auswahl eines Fluges aus der gefilterten Übersicht, die Wahl der Klasse und Versicherung und die Bezahlung funktionieren problemlos. Damit meine ich den technischen Vorgang. Als Screen-Reader-Nutzende Person muss man schon ganz schön rödeln, um zu den betreffenden Sektionen zu kommen oder rauszufinden, welche Versicherung gerade angeboten wird und ob man die Richtige gewählt hat. Das ist zwar alles zugänglich, aber erfordert Geduld. Für Sehende ist das sicherlich durch farbliche Kennzeichnung und Rahmen schön übersichtlich gestaltet. Aber wir sind ja leidgeprüft und kennen es eh nicht anders...
Nachdem ich nun den Flug gebucht hatte und damit Lufthansakunde war, habe ich die iOS App installiert und festgestellt, dass auch die gut zugänglich ist und ich den Flug darin noch einfacher hätte buchen können. Das hatte ich vorher nicht probiert, weil ich nach Flügen gesucht hatte, ohne mich auf Lufthansa festzulegen. Es lohnt sich also, die App zu nutzen. Man kann ja trotzdem nebenher im Web nach Alternativen suchen.
Als nächstes habe ich den Mobilitätsservice gebucht, also Begleitung vom Check-In bis zum Flugzeug. Das macht man nicht bei der Flugbuchung, sondern mit einem gesonderten Formular. Auch dieses ist gut zugänglich und bei der Lufthansa hier zu finden.
https://www.lufthansa.com/de/de/betreuungsbedarf
neben den Personendaten muss man nur die Buchungsnummer eintragen, die in der App steht und per E-Mail zugeschickt wurde. Dann kreuzt man an, welchen Assistenzbedarf man hat und fertig. Ab sofort wurde der Assistenzbedarf auch in der App angezeigt und ich hatte vom Check-In übers Umsteigen bis zur Ankunft Begleitung.
Wie die ausfällt, hängt allerdings nicht von der Airline, sondern von der jeweiligen Person ab. Die sind nicht im Umgang mit behinderten Menschen geschult. Es kann vorkommen, dass man sich mit der Begleitung nicht auf Englisch verständigen kann oder dass sie mit einem Rollstuhl ankommt. Wenn beides zusammentrifft, nützt es nicht mal, über die Rollstuhlfrage zu diskutieren, weil man eh nicht verstanden wird. Das ist mir aber auch nur einmal passiert.
Jedenfalls ging die Buchung mit dem o.g. Formular problemlos.
Dann brauchte ich eine Unterkunft. Ich komme mit der iOS-App von Booking.com gut zurecht, habe die aber hier nicht genutzt, weil ich mir ein Hotelzimmer in New York nicht leisten kann. Ich bin dann auf AirBnB gekommen. Ein Netzwerk von Privatleuten, die in der eigenen Wohnung Zimmer vermieten. Ich hatte schon davon gehört, aber das noch nicht probiert.
Wieder wurde ich positiv überrascht. Die iOS App von AirBnB ist 100% barrierefrei. Auch hier musste ich ein Profilbild und ID hochladen, aber die Bilder hatte ich ja schon und außerdem gibt es hier nicht so strenge Vorschriften. Das hätte ich also auch mit Be My Eyes hingekriegt.
Ich war entzückt, ein bezahlbares Zimmer in der Bronx zu finden und konnte in der App mit der Anbieterin kommunizieren und buchen.
Normalerweise kündige ich meine Blindheit nicht an, wenn ich ein Hotel buche. Zum einen möchte ich keine Sonderbehandlung und zum anderen möchte ich ableistische Reaktionen vermeiden.
Bei AirBnB habe ich es aber aus mehreren Gründen in mein Profil geschrieben. Bei einem Hotel ist es mir egal, ob die Person an der Rezeption Vorurteile hat oder behindertenfeindlich ist. Bei einer Privatperson, mit der ich eine Wohnung teile, nicht. Man stelle sich vor, ich käme bei einem Nazi unter. Nein danke. Dann soll er lieber meine Buchung ablehnen.
Aber man muss es den Leuten eh früher oder später sagen, weil einige Anweisungen visuell formuliert sind. (Die grüne Tür ist das Bad, Restmüll kommt in die schwarze Tonne.)
In diesem Fall hat das dazu geführt, dass die Anbieterin extra für mich ein Braille-Schild für die Badezimmertür besorgt hat.
Das bringt mich zu einem weiteren Aspekt von AirBnB, der für Blinde nicht unwichtig ist. Man hat üblicherweise ein eigenes Zimmer, teilt aber Küche und Bad. Da man in einer Privatunterkunft wohnt, gibt es kein House-Keeping, das den Müll entsorgt und das Bad putzt. Man muss also hinter sich aufräumen und z.B. dafür sorgen, dass keine Haare in der Dusche oder im Waschbecken zurückbleiben. Das steht so gar explizit in den Hausregeln für mein gebuchtes Zimmer. Man muss sich überlegen, ob man sich das zutraut. Haare kann man ja fühlen, aber ob man einen schwarzen Rand im Duschbecken hinterlassen hat, kriegt man nicht so mit. Im Zweifelsfall also das Becken putzen. Bei mir klappte das, glaube ich, aber ich habe schon gemerkt, dass es nicht so unbeschwert ist, wie ein Hotelaufenthalt.
Dafür bekommt man aber eine erschwingliche Unterkunft und hat sofort Kontakt zu einer einheimischen Person, die nützliche Tipps und Hinweise zur Umgebung, den Nahverkehr und Restaurants geben kann.
Für die Fortbewegung habe ich meist Lyft genutzt, ein in den USA verbreiteter Fahrdienst. Die App ist voll zugänglich und sehr komfortabel.
Auch wenn wir im Alltag immer noch und überall auf Barrieren stoßen, ist doch eine Verbesserung festzustellen. Vor einigen Jahren hätte ich diesen Beitrag nicht geschrieben. Dass ich jetzt in der Lage war, meinen Urlaub komplett eigenständig zu organisieren, fühlte sich schon sehr gut an.

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