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Achtung! Disability Studies in Deutschland in Gefahr

Verfasst: 02.02.2026, 14:23
von Sophie Heinicke
Disability Studies ist ein wissenschaftlicher Forschungsbereich, der sich damit beschäftigt, wie Behinderung in unserer Gesellschaft verstanden, erlebt und strukturell gestaltet wird. Anders als traditionelle Ansätze – die Behinderung oft als persönliches oder medizinisches Problem betrachten – sehen die Disability Studies Behinderung als ein gesellschaftliches Konstrukt. Das bedeutet:
Nicht die Beeinträchtigung selbst ist das zentrale Problem, sondern Barrieren und Einstellungen in der Gesellschaft, die Menschen mit Beeinträchtigungen ausschließen oder benachteiligen.

Ein bekanntes Motto dieser Disziplin lautet: „Nothing about us without us“ –
also: Nichts über uns ohne uns. Das heißt, Betroffene sollen nicht nur über Forschung lesen, sondern sie aktiv mitgestalten und selbstforschen.

Disability Studies sind interdisziplinär, das heißt, sie verbinden Wissen aus Soziologie, Pädagogik, Kulturwissenschaften, Politik, Recht und anderen Feldern. Ziel ist eine inklusivere Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen gleichberechtigt teilhaben können.

Was wird jetzt gestrichen und geschlossen?
In Deutschland stehen derzeit zwei bedeutende Einrichtungen der Disability Studies vor dem Aus oder wurden bereits massiv getroffen:

1. Schließung des ZeDiSplus in Hamburg
Das Zentrum für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) in Hamburg wurde zum 31. Dezember 2025 geschlossen. Diese Einrichtung bestand über 20 Jahre und gehörte zu den wenigen Orten in Deutschland, an denen Disability Studies institutionell verankert waren.

ZeDiSplus war nicht nur ein Forschungsort, sondern auch ein Ort, an dem Menschen mit Behinderungen als Forschende und Lehrende tätig sein konnten. In einem offenen Brief kritisieren Mitarbeitende und Studierendenvertretungen, dass die Schließung nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen bedeutet, sondern Wissen, Sichtbarkeit und nachhaltige Forschung in einem zentralen gesellschaftspolitischen Feld.

2. Streichung der einzigen Disability-Studies-Professur in Köln
Die Universität zu Köln hat zum 3. Dezember 2025 die Streichung einer wichtigen Professur für Disability Studies angekündigt. Diese Professur bestand dort seit etwa 2004 und war die erste und lange Zeit einzige ihrer Art in Deutschland. Sie war zentral für Forschung, Lehre und Publikationen zu Disability Studies. 

Forschende und Fachgemeinschaften bezeichnen diesen Schritt als „gravierenden Rückschritt“, weil damit auch langfristige Lehr- und Forschungsprojekte bedroht sind.

Warum ist das ein Problem?
1. Weniger Expertise und Forschung
Mit der Schließung des ZeDiSplus und der Streichung der Professur in Köln verschwinden institutionelle Orte, an denen Disability Studies über Jahre aufgebaut wurden. Das heißt:
- Weniger Forschung über Barrieren und Teilhabe.
- Weniger qualifizierte Ausbildung für Studierende, die später in Schule, Sozialarbeit, Politik oder Verwaltung arbeiten wollen.
- Weniger wissenschaftliche Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen der Inklusion.

2. Verlust von Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Teilhabe
Disability Studies geben Menschen mit Behinderungen eine Stimme in der Wissenschaft. Wird dieser Bereich geschwächt, verschwindet ein Raum, in dem Betroffene ihre Perspektiven selbst einbringen dürfen – sowohl in Forschung als auch Lehre.

3. Widerspruch zu internationalen Verpflichtungen
Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt zu beteiligen – auch in Wissenschaft und Bildung. Kritiker:innen sehen in den Kürzungen einen Widerspruch zu diesen internationalen Zielen.

Warum Disability Studies wirklich wichtig sind – mit konkreten positiven Beispielen
Disability Studies sind nicht nur abstrakte Wissenschaft – sie wirken direkt in Gesellschaft hinein. Hier einige konkrete Bereiche, in denen sie Erfolge und Veränderungen bewirkt haben:

1. Neue Perspektiven auf Behinderung
Frühere Forschung hat Behinderung oft als „individuelle Defizite“ betrachtet. Die Disability Studies haben diesen Blick verändert und gezeigt, dass gesellschaftliche Barrieren – wie fehlende Zugänge, Normierungen oder stereotype Vorstellungen – oft die größten Hindernisse sind.
Das hat dazu beigetragen, dass z. B. barrierefreie Zugänge, inklusive Unterrichtsmodelle und Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen stärker in Politik und Alltag diskutiert werden.

2. Inklusion als gesellschaftliches Ziel
Disability Studies fördern den Gedanken von Inklusion über Integration hinaus:
- Nicht nur „Teilhabe ermöglichen“ –
- sondern Strukturen verändern, damit Menschen wirklich gleichberechtigt teilnehmen können.

Das wirkt z. B. in Schul- und Hochschulsysteme hinein, aber auch in Politik, Arbeitsplatzgestaltung, Medien und Kultur.

3. Teilhabe von Betroffenen als Experten
Studien und Projekte, die Menschen mit Behinderungen aktiv einbeziehen, liefern oft bessere Ergebnisse, weil sie aus der Lebensrealität der Betroffenen heraus gedacht sind. Das geht über reine Empirie hinaus: Es ist ein Empowerment-Ansatz, der Menschen mit Behinderungen als Forschende und Gestaltende anerkennt.

Was sagen Betroffene und Fachleute?
In offenen Briefen und Stellungnahmen kritisieren Studierendenvertretungen, Mitarbeitende und Fachgemeinschaften die Entscheidungen in Hamburg und Köln scharf.
Die Schließung und Streichung sei wirtschaftlich motiviert, aber gesellschaftlich und wissenschaftlich kurzsichtig.
Es gebe keine klaren Pläne, wie Inhalte oder Expertise an anderer Stelle erhalten bleiben könnten. Stattdessen bestehe die Gefahr, dass Wissen verloren geht und Disability Studies in allgemeine Curricula „hineingemischt“ werden, ohne eigenständige Profile und Forschung.

Fazit
Die Kürzungen und Schließungen im Bereich der Disability Studies in Deutschland sind mehr als nur sparsame Hochschulpolitik. Sie betreffen die Frage, wie Behinderung in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft verstanden wird – und wie viel Raum Betroffene in diesen Prozessen haben.
Während internationale Verpflichtungen wie die UN-Behindertenrechtskonvention Partizipation und Inklusion verlangen, drückt sich Deutschland in Teilen gegen diese Ansprüche. Die aktuellen Entwicklungen sind deshalb nicht nur ein wissenschaftlicher, sondern ein gesellschaftlicher Rückschritt, der weit über die Hochschulen hinaus wirkt.