„Als wäre es leicht“ – Filmrezension

Eine Behinderung kann kompliziert sein, gerade, wenn sie neu aufgetreten ist. Andere Menschen können kompliziert sein im Umgang mit Behinderung. Hier könnt ihr Erfahrungen austauschen.
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„Als wäre es leicht“ – Filmrezension

Beitrag von Robbie Sandberg Site Admin » 09.04.2026, 14:32

Der Film erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einem blinden Mann und einer gehörlosen Frau.
Bei so einem Sujet gibt es natürlich immer einen Elefanten im Raum. Wie wird mit dem Thema Behinderung umgegangen. Beliebte Motive sind Gags, die auf den behinderungsbedingten Verständigungsschwierigkeiten der Charaktere fußen, (siehe Die Glücksjäger USA 1989) oder Happy-End durch Heilung, (siehe Das Wunder BRD 1985).

Ich hatte diesbezüglich ein schlechtes Bauchgefühl, weil mir die Drehbuchautorin Eibe Krebs von einem Filmprojekt aus 2013 in Erinnerung war. Sie hat damals den Pseudo-Dokumentarfilm „Vom Hören Sagen“ veröffentlicht, in dem geburtsblinde Menschen von ihren Wunschträumen erzählen. Ich habe den Film seinerzeit als Freakshow bezeichnet.
Zur Erläuterung: Freakshow nannte man früher die Zurschaustellung behinderter Menschen auf Jahrmärkten.
Durch diese Erfahrung vorbelastet ging ich also mit bösen Befürchtungen ins Kino.

Und, ich wurde positiv überrascht. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Im Gegenteil, der Film zeigt zwei Menschen, die selbstbewusst mit ihrer Behinderung umgehen und sich gegen ihr ableistisch geprägtes Umfeld behaupten.
So sagt der blinde Florian zum Arbeitsbeamten, der ihm eine Stelle beim Dialog im Dunkeln anbietet, „Ist blind sein meine einzige Qualifikation?“
Die gehörlose Kati wird von ihrer Mutter bedrängt, sich ein Cochlea-Implantat einsetzen zu lassen, um hören zu können. Sie wehrt sich dagegen und sagt, dass sie ihre Gebärdensprache liebt und so bleiben möchte, wie sie ist.
Ich finde es sehr erfrischend, eine Figur mit dieser Einstellung zu zeigen.
Viele nicht behinderte Menschen dürften hier zum ersten Mal davon hören, dass Heilung für behinderte Menschen nicht zwangsläufig das Heil bedeutet. Insofern regt der Film durchaus zum Nach- und Umdenken an.
Ich kann es mir aber nicht verkneifen, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass wir vom DBSV-Jugendreferat dem Film diesbezüglich mit unserem Hörspiel Die Unheilbaren aus 2025 zuvorgekommen sind.
ES gibt außerdem etliche pointierte Oneliner, die klug und witzig mit der Behinderung umgehen und vermitteln, dass die Betreffenden sie nicht als tragisch empfinden.
Die Verständigung durch Smartphone-Apps und lormen ist für mich glaubwürdig und teils witzig umgesetzt. Ein Höhepunkt ist das Rückenkratzen, bei dem Florian ihr per Smartphone mitteilt, wo und wie fest sie kratzen soll.
Der selbstverständliche Umgang mit Hilfsmitteln und wie viel Teilhabe sie ermöglichen, vermittelt ebenfalls einen Eindruck vom Leben behinderter Menschen, der vielen Kinobesuchenden neu sein dürfte. Für mich hatte das den Effekt, dass ich mich mit dem Protagonisten identifizieren konnte. Ich nutze die gleichen Hilfsmittel, habe Situationen wiedererkannt und konnte mich an seiner Stelle sehen. Bei einem sehenden Mann, der mit den Augen flirtet oder der gestikuliert, geht mir das nicht so.
Der einzig fragwürdige Punkt ist für mich das Betasten des Essens. Ich kenne allerdings Blinde, die das tatsächlich tun - und man kann sicher den Standpunkt vertreten, dass das dann auch eine realistische Darstellung ist.
Auch zeigt der Film überraschend viele Dinge, die blinde und gehörlose gemeinsam erleben und genießen können.
Besonders schön finde ich die Idee mit dem Fahrradschlauch. Sie pumpt ihn auf und er soll hören, wo sich das Loch befindet. Dass sich hieran dann aber der erste Streit entzündet, empfinde ich als unrealistisch und konstruiert.
Und damit komme ich vom Umgang mit Behinderung zur Handlung.
Was Ersteres betrifft bin ich, wie gesagt, beruhigt und kann Entwarnung geben.
Die Geschichte kommt bei mir leider nicht so gut weg. Ja, sie zeigt auf sensible und unterhaltsame Weise die Welten der beiden Menschen und wie sie sich näherkommen. Es gibt witzige und berührende Momente und sicher ist der Film für viele nicht behinderte Menschen ein Aha-Erlebnis.
Die Geschichte ist trotz all dem voller vertaner Chancen.
Es wird ja vom Regisseur Milan Skrobanek darauf hingewiesen, dass man mit dem Dialog im Dunkeln zusammengearbeitet hat und dort inhaltlich beraten wurde.
Im Dialoghaus wiederum verspricht man sich von dem Film mehr Zulauf. Was das betrifft, dürften die Mitarbeitenden enttäuscht sein. Es gibt nur eine Szene, die tatsächlich im Dialog spielt und darin prüft Florian abstruserweise den Ton einer Audiodeskription für einen Film. Man erfährt nicht, was tatsächlich im Dialog passiert. Stattdessen sieht man auf einem Team-Building-Ausflug Blinde und Gehörlose gemeinsam klettern. Eigentlich eine witzige Idee. Wer den Dialog von innen kennt, könnte das sogar als parodierenden Seitenhieb auffassen, aber das ist wohl eher ungewollt.
Es wird aber nicht gesagt, was der Dialog ist und warum hier Blinde und Gehörlose arbeiten. Wer den Dialog nicht kennt, könnte ihn für eine Behindertenwerkstatt halten. Das scheint mir ein klassisches Versäumnis zu sein, von Leuten, die mit einer Sache vertraut sind und nicht realisieren, dass Außenstehende Erklärungsbedarf haben.
Dann ist da der Disput zwischen Florian und Kati wegen des Implantats. Er stimmt ihrer Mutter zu und rät ihr die OP machen zu lassen. Leider erfährt man nicht, warum er so denkt. Man hätte hier zeigen können, dass die eigene Behinderung nicht unbedingt für die Behinderung eines Anderen sensibilisiert. Oder man hätte zeigen können, dass er anders als Kati seine Blindheit gerne loswürde. Das wäre eine interessante Gegenüberstellung der beiden Haltungen geworden. Oder man hätte zeigen können, dass er ihre Einstellung teilt und sie unterstützt. Nichts dergleichen passiert. Das Thema ist einfach der Aufhänger für einen Streit und wird nicht weiter vertieft.
Überhaupt ist die Figur von Florian sehr flach gezeichnet. Man erfährt nichts über seine Interessen, außer dass er Fußballfan ist und gerne Bier trinkt.
Er hat ein Ehrenamt beim St- Pauli Fanradio. Was beinhaltet das, außer blinder Ko-Kommentator bei der Reportage zu sein? Was macht er an Tagen zwischen den Spielen?
Während Kati ihr Fotohobby hat und sich mit Freundinnen trifft, scheint Florian nur abzuhängen. Das kann gewollt sein, aber ich hätte mir gewünscht, dass der Blinde eine sinnvolle Alltagsbeschäftigung hat.
Auch der Konflikt mit Florians Vater bleibt unscharf, während der Konflikt zwischen Kati und ihrer Mutter von Anfang bis Ende Thema ist. Der Vater war ein Arschloch, dem nichts gut genug war. Aber was passiert ist, das Florian dazu bringt, den Kontakt zur Familie abzubrechen und aus der Beerdigung zu stürmen, bleibt unausgesprochen.

Ist der Film trotzdem sehenswert? Ich meine ja. Die Geschichte hat ihre Schwächen, aber es gibt einfach schöne Szenen und die Darstellung von Behinderung ist gut gelungen. Zumal die Figuren hier von selbst Betroffenen gespielt werden. Bereits 2012 hat die Regisseurin Sheri Hagen in Auf den zweiten Blick behinderte Figuren gezeigt, die selbstbewusst mit ihrer Behinderung umgehen. Die wurden aber noch von nicht behinderten Schauspieler*innen gespielt. Diesbezüglich hat der Film alles richtig gemacht.

Im offSight Podcast könnt ihr ein Interview mit dem Hauptdarsteller David Knors hören.
Für die Recherche von Filmen mit blinden und sehbehinderten Figuren empfehle ich die Website Blickwinkel Blindheit, die sich mit der Darstellung von Blindheit und Sehbehinderung in den Medien beschäftigt.

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